Three-Passes Trek in Nepal – Teil 1 “Ankommen”

3 Wochen durch das Hochgebirge der Khumbu-Region im Himalaya

Fast den gesamten April hatte ich mir freigenommen, um diese Wanderung endlich zu machen, die ich eigentlich für das Frühjahr 2020 geplant hatte, als uns allen Corona einen Strich durch die Rechnung machte.

Ich wollte das Everest Base Camp sehen – und zwar nicht im Herbst, als ich das letzte Mal mit Insa in Nepal wandern gewesen war, sondern im April, wenn es dort von Zelten und Menschen wimmelt, die den zahlreichen Expeditionsteams angehören, die in dieser Saison auf den höchsten Gipfel der Welt steigen wollen.

Aber in diesem Jahr würde ich arbeiten und eben „nur“ meinen Jahresurlaub nehmen können, um eine Wanderung zu machen, von der ich wusste, dass sie nicht einfach und auch nicht kurz sein würde. Klar, kann man das Everest Base Camp (EBC) in recht wenigen Tagen erreichen, aber ich wollte die „Three Passes“-Wanderung machen, einen Rundkurs mit einem Abstecher zum EBC. Und etwas mehr als 3 Wochen lassen keinen großen Puffer zu, denn man muss Akklimatisierungstage einplanen, damit rechnen, dass das Wetter nicht gut genug sein wird und man abwarten muss, oder es einem einfach mal auch nicht gut geht. Es würde also sportlich werden, aber ich hatte Lust auf diese Herausforderung und so buchte ich meine Flüge.

Anreise: Bremen – Kathmandu – Lukla

In Kathmandu angekommen, lief alles wie am Schnürchen, denn Mark – der sich schon etwas länger in Nepal aufhielt – hatte mir ein Taxi vom Flughafen zum Hotel organisiert und schon auf der Fahrt in den Touristenstadtteil Thamel kamen mir immer wieder einige Gebäude und Straßen bekannt vor und ich konnte ein fettes Grinsen nicht unterdrücken. Es war warm und stickig und der Verkehr in Kathmandu war so verrückt wie immer, nichts schien sich verändert zu haben. Auch in Thamel sprachen einen die gleichen Leute an, um ihre zahllosen Kleinigkeiten – von Obst über Flöten und Souvenirs bis hin zu Drogen – zu verkaufen. Willkommen zurück!

Mark hatte mir auf meinen ausdrücklichen Wunsch den „dicksten und wärmsten“ Schlafsack organisiert, den er finden konnte. Ich musste also nur noch einen Haufen Bargeld abheben, entspannt abends Essen gehen – oh, wie habe ich die guten Gewürze vermisst – und dann meinen Rucksack packen, wovon mindestens ein Drittel des Volumens von dem Schlafsack eingenommen wurde, und schon konnte es losgehen. Aus Zeitgründen hatten wir nämlich beschlossen direkt von Kathmandu nach Lukla zu fliegen und nicht, wie ich es vorgezogen hätte, einen Jeep zu nehmen und dann 2 bis 3 Tage hinaufzuwandern.

Somit fanden wir uns am nächsten Morgen am Domestic-Terminal ein und warteten. Und warteten. Und warteten. Unser Flugzeug war eine kleine Twin Otter, ein winziges Propellerflugzeug, das zu den wenigen Modellen gehört, die auf dem Flughafen in Lukla landen können. Neuerdings fliegen die meisten Flugzeuge von Ramechhap nach Lukla, um den Luftraum über Kathmandu zu entlasten, doch wir hatten eins der wenigen aus Kathmandu startenden Flugzeuge erwischt, das wir mit einer Expeditionsgruppe teilten. Leider jedoch wurde unser Flug immer weiter nach hinten verschoben und wir wurden langsam nervös. Ab mittags kann man im Normalfall nicht mehr in Lukla landen, da dann durch heraufziehende Wolken die Sicht zu schlecht wird. Nach einem Unfall 2008, der auf schlechte Sicht zurückzuführen war (Quelle), verhielt man sich etwas vorsichtiger an diesem „gefährlichsten Flughafen der Welt“.

Plötzlich ging es ganz schnell, wir wurden in einen Bus verladen und warteten kurze Zeit später irgendwo auf dem Flughafengelände. Als das Personal hektisch wurde, wussten wir: das Flugzeug ist gelandet. Und schon kam es angefahren, ein winziges Stück Blech, von dem ich mich merkwürdigerweise fragte, ob es überhaupt fliegen könnte. Ein schneller Wechsel der Passagiere und schon saß Mark am Fenster direkt hinter den Piloten, nur ein Vorhang trennte uns von den Gerätschaften und ich vermutete, dass es nicht allzu häufig vorkam, dass jemand versuchte diese Flugzeuge zu highjacken. Während des Fluges döste ich immer wieder ein: eine lange Anreise, Jetlag und eine kurze Nacht lagen mir in den Knochen. Als es jedoch turbulent wurde, musste auch ich hinausschauen, denn nun waren wir über den Bergen und den unterschiedlich warmen Luftströmen angekommen.

Laut Mark war der Landeanflug auf die winzige Start- und Landebahn in Lukla, die auf der einen Seite einen Absturz über die Klippe vorzeigt und auf der anderen Seite von einer massiven Bergflanke begrenzt wird, das Gruseligste, was er je hat mit ansehen müssen. Ich war einfach nur völlig verdutzt, als die Räder aufsetzten, denn ich hatte Sekunden vorher noch vorbeiziehende Berge gesehen, die vermuten ließen, dass wir noch hoch oben waren…

Und dann waren wir da. Am Rand der „Khumbu“-Region in Lukla, 2.800 m hoch, die Luft noch warm, aber deutlich frischer und reiner als im versmogten Kathmandu.

Three Passes – Wanderung

Wir würden 21 Tage in den Bergen sein:


TagStartZielLängeHöhe
1LuklaPhakding7,5 km2.610 m
2PhakdingNamche Bazaar11 km3.440 m
3NamcheDaytrip: Akklimatisierung8,5 km3.440 m
4NamchePangboche15 km3.930 m
5PangbocheDaytrip: Ama Dablam Base Camp (4.600 m)10 km3.930 m
6PangbocheDingboche6 km4.350 m
7DingbocheChukhung6 km4.700 m
8ChukhungDingboche6 km4.350 m
9DingbocheRestday: Spaziergang3 km4.350 m
10DingbocheDaytrip: Nangkartshang (5.071 m)7 km4.350 m
11DingbocheChukhung6 km4.700 m
12ChukhungLobuche über Kongma La (5.535 m)14 km4.910 m
13LobucheDaytrip: Everest Base Camp (5.360 m)16 km4.910 m
14LobucheZonghla6,5 km4.830 m
15ZonghlaRestday: Zonghla0 km4.830 m
16ZonghlaDragnag über Cho La (5.420 m)16 km4.700 m
17DragnagGokyo4,5 km4.750 m
18GokyoLungden über Renjo La (5.360 m)13,5 km4.380 m
19LungdenNamche Bazaar19 km3.440 m
20NamcheLukla19,5 km2.850 m
21LuklaRestday: Lukla0 km2.850 m
22LuklaFlug nach Kathmandu

Aufstieg in die Berge: Lukla – Phakding – Namche Bazaar

Nach der Landung blieben wir nicht lange in Lukla, sondern setzten direkt unsere Rucksäcke auf und wanderten los. Wir würden dem Fluss Dhud Khosi in seinem Tal immer höher hinein in die Berge folgen bis nach Namche Bazaar, das auf etwa 3.400 m liegt und den Eintritt in die höhere Everest-Region dahinter markiert.

Aber zunächst mussten wir an einigen Checkpoints stoppen, um unsere Wandererlaubnis zu besorgen, die Eintrittsgelder zu bezahlen und uns anzumelden. Hier wurde jeder Wanderer akribisch erfasst und auch der Austritt aus der Region später festgehalten. Checkpoints gab es so einige und wir waren oft die einzigen ohne Guide, die sich dort anstellten, um erfasst zu werden. Die Checkpoints gibt es schon lange und in allen Regionen in Nepal, aber dieses Jahr hatte es im Vorfeld unserer Reise einige Diskussionen und Bangen gegeben, denn Nepal hatte ohne Vorwarnung im März verkündet ab dem 1. April keine individuellen Trekker mehr in ihrem Land zu erlauben. In anderen Worten: jeder Wanderer, egal wie kurz oder lang und wie hoch er gehen wollte, würde einen Guide benötigen. Natürlich absolut nicht das, was wir wollten. Diese kontroverse Entscheidung hatte international zu einigen wenig unterstützenden Artikeln und Meinungen geführt und auch ich war sehr verärgert gewesen (falls jemand mehr Infos möchte). Kurz vor meiner Ankunft kam dann die erlösende Nachricht: die Khumbu-Region stellte sich gegen diese neuen Bestimmungen der Tourismusbehörde und würde individuellen Trekkern auch weiterhin den Zugang erlauben. Jedoch waren wir besonders am ersten Tag noch ein wenig angespannt, denn wer weiß wer sich am Ende durchsetzt bei diesem internen Machtkampf.

Etwa 8 typisch nepalesische Hängebrücken führen auf dem Weg nach Namche immer wieder von der einen Talseite auf die andere und wenn einem eine Tierkarawane entgegen kommt, ist Pausenzeit angesagt. Wir machten am ersten Tag jedoch nur etwa die Hälfte der Strecke hoch – etwa 7,5 km bis nach Phakding, einem Dorf, das etwa 200 Meter niedriger liegt als Lukla. Es war eine wirklich schöne Wanderung durch die blühenden Obstbäume und Rhododendren, die die Wege säumten. Der Frühling war hier schon im vollen Gange.

Mein Rucksack kam mir sehr schwer vor und ich merkte, dass ich mich definitiv noch an das Gewicht und das Wandern in den Bergen gewöhnen musste. In einem kleinen Dorf zeigte uns eine nette alte Dame ein paar heilige Mani-Steine. Hier im Norden hin zur Grenze zum Tibet sind die meisten Menschen buddhistischen Glaubens und das sieht man an jeder Ecke. Gebetsmühlen, beschriebene Steine, kleine Stupas und natürlich an jedem Berghang, jeder Brücke und jedem Gipfel die bunten Gebetsfahnen: blau – weiß – rot – grün – gelb. Om Ma Ni Padme Hum.

Ich schaffte es am ersten Tag direkt schon den Dichtungsring meines Wasserfilters zu verlieren und musste somit auf Chlortabletten umsteigen, was mich ziemlich ärgerte, aber Ersatzteile kann man hier natürlich nicht kaufen, also musste ich damit leben. Außerdem merkte ich abends mit leichten Kopfschmerzen, wie mein Körper sich langsam an die Höhe gewöhnte, denn zwei Tage zuvor war ich noch auf Meereshöhe gewesen. Noch waren wir allerdings nicht zu hoch und so musste ich mir momentan erstmal keine Sorgen machen.

Am nächsten Tag ging es dann hauptsächlich aufwärts in 11 langen Kilometern nach Namche, das auf 3.440 m Höhe liegt. Da es zwischendurch immer wieder hinabging, machten wir in etwa 1000 Höhenmeter an Anstieg und ich kämpfte mit dem Gewicht des Rucksacks und der Höhe. Trotzdem kamen wir im warmen Sonnenschein recht gut voran; ich hatte morgens noch leichte Handschuhe angezogen, konnte diese aber schon nach kurzer Zeit ausziehen und im T-Shirt wandern.

Bei einer Teepause in einem kleinen Bergdorf redeten wir mit dem Besitzer der Unterkunft, der uns erzählte, dass er als Guide schon auf dem Everest gewesen war. Die Khumbu-Region ist die Heimat der Sherpa und somit würden wir auf unserer Wanderung immer wieder auf Menschen treffen, die schon mindestens einmal auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt gestanden hatten. Mark hat das beneidenswerte Talent alle Menschen begeistert von sich erzählen zu lassen und so erfuhren wir viel über die Menschen dort. Anstatt des nepalesischen „Danyabad“ für Danke, sagten wir nun häufig „Tuche“, das Äquivalent in der Sherpa-Sprache. Da es eine Sprache ist, die nur gesprochen wird, gibt es auch keine einheitliche Schreibweise für die Wörter, so dass Dorfnamen immer wieder unterschiedlich geschrieben werden und man bei ähnlichen Namen schon mal durcheinanderkommen kann. Dies würde mir in den ersten Tagen auf jeden Fall öfter passieren.

Beim Teetrinken beobachtete ich die vorbeiziehenden Wanderer und war überrascht so viele Gruppen zu sehen. Auch das Verhältnis zwischen Touristen zu Guides und Trägern war fast 50:50. Ich konnte es fast nicht glauben, da wir in den anderen Regionen deutlich mehr individuelle Wanderer getroffen hatten in 2019.

Bevor es an den letzten langen Anstieg hoch nach Namche ging, mussten wir am Eingang in den Sagarmatha National Park (Sagarmatha ist der nepalesische Name für Mount Everest) die Eintrittsgebühr entrichten und uns noch einmal registrieren lassen. Auch hier wieder die skeptische Frage nach unserem Guide, den wir nicht hatten. Aber alles war gut und so konnten wir weiterziehen. Es war an diesem Checkpoint sehr voll und auch die Wege waren nicht leer, aber die meisten würden wohl „nur“ zum Everest Base Camp direkt wandern und wieder auf dem gleichen Weg zurückkommen, weshalb an diesen Stellen so viel „Verkehr“ war.

Die Vegetation veränderte sich auf dem Weg hoch allmählich und die blühenden Büsche wurden von Nadelwäldern ersetzt, die sich an die recht steilen Flanken der Talwände schmiegten. Auf einer der letzten Hängebrücken kam der eisige Wind aus den Bergen mit so einer plötzlichen Wucht auf uns zu, dass Mark seinen Hut verlor und ich ihn über das Rauschen des Flusses und die Geräusche des Windes nicht rufen hörte. So wartete ich verwirrt auf der anderen Seite bis mir ein anderer Wanderer von dem kleinen Unfall erzählte und dann sah ich Mark auch, wie er auf der anderen Uferseite seinem Hut hinterherlief, den er glücklicherweise wiederbekam. Die Wanderung fing pannenreich an, denn wir hatten beide schon jeweils einen Wanderstock eingebüßt und mein Filter war ja auch nicht mehr brauchbar…

Auf dem letzten Anstieg fand ich einen guten Rhythmus aus Hochsteigen und Atmen und so kamen wir schon bald in das terrassenförmig aufgebaute Namche, eine Stadt, die in einem Talkessel an den Hängen der Wände klebt. Ein faszinierender Anblick. Wir hatten eine gute Unterkunft für zwei Tage gebucht, die leider noch einmal 150 m höher am oberen Rand der Stadt lag und ich verzweifelte fast auf den letzten Metern. Mein Körper hatte entschieden, dass er nun angekommen war und wollte nicht noch höher steigen. Aber immerhin würden wir hier die nächsten beiden Nächte verbringen und uns akklimatisieren, also war der erste Aufstieg in die Berge geschafft und ich durfte den schweren Rucksack erleichtert absetzen. Ich belohnte mich mit Hot Chocolate und einer Knoblauchsuppe, da Knoblauch mit der Höhe helfen sollte. Ein nasses, heißes Handtuch für Hände und Gesicht vor dem Essen fühlte sich wie Luxus an nach diesem anstrengenden Wandertag.

To be continued…

-> Teil 2 der Wanderung

Mareike

35 Jahre, aus der Nähe von Bremen.

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