Etappe 7: Flégère bis Les Houches

Eine letzte Anstrengung, um die Tour du Mont Blanc abzuschließen

Auf der letzten Etappe der TMB geht es noch einmal auf einen hohen Punkt hinauf, den Gipfel des Brévent. Von dort geht es dann in einer langen, langen Wanderung bis ganz zurück auf den Talboden in das Dorf Les Houches, wo ich die Tour vor Ewigkeiten begonnen hatte.


Anstatt wie geplant (Link zu Etappe 6) direkt am nächsten Tag die letzte Etappe zu wandern, machte ich einen entspannten Ruhetag, da ich ja noch weitaus mehr Zeit zur Verfügung hatte, als ich vor einer Woche noch hätte ahnen können. Einfach entspannen und die überanstrengten Muskeln regenerieren lassen. Ich war abends dann auch prompt noch zu einem Spielabend eingeladen worden, so dass ich auch gar nicht super früh ins Bett kam. Am Freitag jedoch, also genau eine Woche, nachdem ich die Fernwanderung begonnen hatte, machte ich mich auf den Weg zur letzten Etappe.

Mark und ich fuhren mit dem Auto zurück zum Flégère-Lift und gemeinsam hinauf über die Baumgrenze. Mark hatte beschlossen, dass ihm ein wenig Bewegung gut tun würde und so würde er mich auf dem ersten Teil dieser Etappe begleiten. Es ging zunächst zur Brévent-Liftstation hinüber, wo er dann wieder hinunter ins Tal fahren würde. Die Aussicht auf einen unendlich langen, kniezerstörenden Abstieg begeisterte mich ehrlich gesagt auch wenig, aber was muss, das muss. Immerhin trug ich nur einen Tagesrucksack und musste daher nicht noch zusätzliche 12 kg hinuntertragen.

Ein wolkenloser Himmel begrüßt uns….

Wir gingen also den Schildern hinterher in Richtung Westen entlang des Grand Balcon Sud. Es war recht kühl, aber sonnig und ich hatte frische Klamotten an, was ich durchaus zu schätzen wusste. Den ersten Teil des Weges kannte ich ziemlich gut, es ging vorbei an dem Index-Lift zu dem Einstieg meiner am häufigsten gegangenen Via Ferrata hier. Die Gegend im Winter ist mit dem Schwestergebiet von Brévent wahrscheinlich eins der meistbesuchten Skigebiete, weil es direkt von Chamonix aus zu erreichen ist. Ich war viel hier gewesen.

Drei Pfade führen in unterschiedlichen Höhen hinüber durch einen großen Kessel in der massiven Flanke der Berggruppe auf die Seite von Brévent. Wir nahmen den mittleren, der für die TMB vorgesehen ist und auch am wenigsten Steigung beinhaltet. Ein entspannter Start in den Wandertag. Nach einigen Minuten sahen wir unter uns ein Zelt auf einer Wiese und trotz der schon recht späten Stunde (nach 9 Uhr) war keine Bewegung zu erkennen. Ich glaube es waren meine Südafrikanischen Freunde, deren Zelt ich meinte zu erkennen und die beiden starteten auch immer recht entspannt in den Tag.

Die ersten Herbstfarben sind zu erkennen…

Heraus aus dem Kessel, kamen wir am unteren Bereich des Brévent-Skigebietes an und es gibt viele Möglichkeiten auf den Pisten entlangzuwandern. Die TMB folgt einem kleinen Pfad durch Wiesen und versucht den Schotterstraßen und grasbewachsenen Pisten zu entgehen. Wir gingen irgendwo verloren und irrten oberhalb der eigentlichen Route herum und landeten in einer Schafsherde, wo wir die armen Hütehunde aufschreckten, die auf den ersten Blick wie Schafe aussahen, so weiß und flauschig war deren Fell. Also gingen wir wieder hinunter und suchten uns den Weg zurück auf den Pfad der TMB. Den Teil, den ich an diesem Tag dadurch verpasste, machte ich ein paar Tage später als kurze Nachmittagswanderung nach der Arbeit. Einfach mit dem einen Lift hinauf und auf der anderen Seite hinunter, eine schöne kleine Wanderung, wenn man schnell auf etwa 2.000 m Höhe sein möchte.

Wir gelangten nun zu dem Hauptteil des Skigebietes mit Gebäuden und weiteren Liften. Links ging es zur Gondel (Plan Praz), die einen zurück nach Chamonix brachte, aber wir bogen nach rechts ab, hinein in eine Flanke des Brévent-Gipfels, den wir nun in steilen Serpentinen erklommen. Der Weg steigt an bis man in eine felsige Welt eintaucht, die einem am Col du Brévent (2.368 m) einen Blick auf die andere Seite der Bergkette ermöglicht. Hier waren wir vor knapp einem Jahr auf eine 26 km lange Wanderung ins Nebental aufgebrochen, das so ganz anders aussieht als das Chamonix-Tal.

Der Weg folgt nun der Nordseite der Berggruppe, wo kaum noch Pflanzen wachsen. Der steinige Pfad ist durch Farbmarkierungen gekennzeichnet, denn auf den blanken Felsen kann man die Route kaum erkennen, obwohl hier viel los ist. Tagestouristen nehmen den zweiten Lift von Plan Praz hinauf, der einen wenige Meter unterhalb des Brévent-Gipfels herausschmeißt und von dort kann man dann entspannt zum unteren Lift hinabwandern und diese spannende Felsenlandschaft mitnehmen. Ein paar Stellen sind mit Stahlseilen gesichert, es sind große Schritte, die hier steil wieder hinaufführen. Auf den Gipfeln und den Felshängen zu unserer linken Seite sind an diesem Tag viele Kletterer unterwegs, deren bunte Jacken sich von den grauen Felsen abhoben. Hier gibt es verschiedene Routen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und da man bis fast direkt an den Start mit dem Lift fahren kann, sind diese sehr beliebt.

Blick ins Nachbartal…

Kurz vor dem Gipfel erreichen wir wieder eine Schotterstraße, die uns nun die letzten Meter hinauf zum Le Brévent (2.525 m) bringt. Ich war tatsächlich noch nie ganz bis hier oben hinaufgegangen, wo eine recht große Terrasse perfekte Aussichten auf das Mont-Blanc-Massiv auf der gegenüberliegenden Seite liefert. Schon vor hundert Jahren waren Menschen hier hinaufgestiegen, um diese Aussichten abzuzeichnen. Ich hatte auch Glück, denn die Gipfel versteckten sich nicht hinter Wolken, so dass ich den Mont Blanc mit seinen vielen Gletscherzungen, die bis fast ganz ins Tal reichen, perfekt vor mir sehen konnte. Eine grandiose Aussicht, die mich auch auf dem nächsten Teil der Strecke begleiten sollte.

Le Brévent (2.525 m)

Mark machte sich von hier auf den Weg hinab und stieg dafür zu der Liftstation herunter, während ich beschloss, hier meine Mittagspause zu machen. Noch einmal die Beine entspannen, bevor es in den nie endenden Abstieg gehen würde. Über 1.500 Höhenmeter bis hinunter nach Les Houches.

Vom Gipfel ging es kurz steil hinab auf einen Grat, der parallel dem Tal unten folgte und immer wieder unglaubliche Aussichten ermöglichte. Hier waren auch nicht mehr so viele Menschen, so dass ich immer wieder stehen blieb und kurz das Panorama betrachtete. Es ging relativ eben an dieser Stelle entlang, aber dann hatte man diesen Grat mit kleiner Hochebene, in der Seen in der Sonne glitzerten, auch schon hinter sich gelassen. Dieser Teil war einer der schönsten des ganzen Tages.

Von nun an ging es jedoch wieder steiler weiter, immer nach unten. Heidekraut blühte zwischen trockenen Gräsern und der Himmel zog sich langsam zu. Die Refuge de Bellachat (2.152 m) ließ ich links liegen und folgte dem Weg weiter durch das zerrüttete Grasland. Es regnete gelegentlich kurz, aber ich kam nun immer wieder an kleinen Waldstücken vorbei, die sich am steilen Hang festhielten. Mal war es felsiger, mal bedeckte weicher Waldboden den Weg.

Nach einiger Zeit kam ich dann hinein in einen permanenten Wald, der die komplette Flanke bis nach unten ins Tal bedeckte und den ich somit erst kurz vor Les Houches wieder verlassen würde. Es zog sich. Ich kam gut voran und trotzdem schien ich immer noch unendlich weit weg vom Ende der Etappe zu sein. Die Schilder sagten noch Stunden des Wanderns voraus und ich fing langsam an meine Knie zu spüren. Dieses permanente Hinuntergehen war Gift für meine Gelenke. Aber da musste ich nun durch.

Nach Ewigkeiten kam ich dann an dem letzten Highlight der TMB an, dem Le Christ Roi (1.196 m), einer 25 m hohen Christusstaue, die hier auf einem Felsvorsprung auf dem Hang oberhalb von Les Houches errichtet worden war. Leider musste ich feststellen, dass es keinen guten Punkt gab, von der man sie wirklich gut sehen konnte. Sobald man unten im Tal war, war sie zu weit entfernt und von hier hatte man nur merkwürdige Blickwinkel von unten und der Seite.

Ich machte trotzdem noch eine letzte Pause am Fuße des Christus, wo sich einige Bänke befanden und eine geführte Wandergruppe gerade ihr erstes Briefing bekam. Sie würden heute die Tour du Mont Blanc starten. Ich fragte mich, warum sie sich hier getroffen hatten, denn nun mussten sie ja wieder hinab nach Les Houches, aber vielleicht würden sie am letzten Tag den Lift von Brévent zurücknehmen und diesen Teil nicht noch einmal machen.

Für mich ging es kurze Zeit später der Gruppe hinterher durch den letzten Rest des Waldes, dann über die Bahnschienen und eine Brücke hinauf in das Dorf Les Houches. Ich hatte es geschafft! Ich stellte mich in ein kleines Bushäuschen und wartete auf den nächsten Bus nach Hause und freute mich, dass ich es gerade noch rechtzeitig geschafft hatte, denn nun fing es ordentlich an zu regnen.

Nach 19 km und 877 Höhenmetern, Unmengen von hinabgelaufenen Kilometern und etwas mehr als 5 Stunden endete der letzte Tag meiner Tour du Mont Blanc.


Insgesamt war ich nun an 7 Tagen 162 km gewandert, hatte 9.686 Höhenmeter erklommen und war dabei über 45 Stunden in Bewegung gewesen. Für Essen, Snacks, Getränke und Camping hatte ich weniger als 100 Euro insgesamt ausgegeben; extra neues Equipment hatte ich auch nicht gekauft. Was für ein Abenteuer!

Am Anfang hatte ich noch Bedenken gehabt diese lange Strecke in 9,5 Tagen zu schaffen, doch ich hatte nicht damit gerechnet so schnell zu sein. Besonders nicht bei den 12 bis 14 kg, die dabei jeden Meter (bis auf den letzten Tag natürlich, da ich diesen nur mit einem Tagesrucksack wanderte) auf meinem Rücken mitschleppte. Ich bin immer wieder erstaunt, was ein Körper so alles schaffen kann. Aber das war nicht mein Hauptgrund für diese Wanderung gewesen: Ich wollte unbedingt wissen, wie es ist eine mehrtägige Wanderung komplett auf mich allein gestellt zu gehen. Und die absolute Freiheit spüren, die mich dabei überkam. Berge haben diesen Einfluss auf mich, aber auch die Entscheidungsfreiheit zu haben wann ich stoppe und wie lange, wie schnell ich gehe und wo ich abends übernachte, das alles machte mir unglaublich viel Spaß. Während die Füße Schritt für Schritt gehen hat der Kopf Zeit in andere Richtungen zu wandern und ich kam entspannt wieder – körperlich kaputt, aber die Seele frisch und angeregt.

Ich bin mir sicher, dass dies nicht meine letzte mehrtägige Wanderung gewesen sein wird und würde jedem so eine Erfahrung empfehlen. 🙂

Mareike

35 Jahre, aus der Nähe von Bremen.

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