Etappe 6: Le Peuty bis nach Flégère (FR)

Ein letzter Pass zurück nach Frankreich

Die Etappe 9 von Trient nach Tré-le-Champ im Chamonix-Tal etwas oberhalb von Argentiére sollte etwa 5 Stunden dauern und führte auf etwa 14 Kilometern 980 Höhenmeter hinauf und fast genau so viel wieder hinab. Es geht über den Col de Balme (2.191 m) und dann noch über einen Berggipfel hinab ins Tal. Die 10. Etappe würde dort unten starten und direkt wieder bergauf aus dem Tal herausführen: 8 km, 730 Höhenmeter und etwa 3,5-4 Stunden Wanderzeit. An dieser Stelle gibt es wieder ein paar Varianten auf dem Weg zur Refuge la Flégère. Übersicht Etappen: hier.


Das zweite Mal auf dieser Wanderung wachte ich zwischen anderen Zelten und Menschen auf, die sich teilweise schon um 6 Uhr auf den Weg machten. So hardcore war ich dann doch nicht. Ich blieb noch ein wenig im warmen Schlafsack liegen und lauschte dem Treiben. Alles war relativ ruhig, niemand sprach laut und Leute mit besserem Schlaf als ich hätten wahrscheinlich entspannt weiterschlummern können. Irgendwann war ich dann wach genug, dass ich auch aufstand. Ich hatte keine große Eile, wusste aber, dass mir ein anstrengender Tag bevorstand und ich auch ein kleines Zeitlimit hatte. Mein Plan war nämlich zwei ganze Etappen an einem Tag zu machen, um bis zum nächsten Lift zu kommen, damit ich diese Nacht in meinem eigenen Bett würde schlafen können.

Auf dem Weg zum Pass (ganz hinten zu sehen)…

Es gibt noch eine kurze Variante, die jedoch in Trient oder Col de la Forclaz startet (oder von der Variante kommt, die ich eigentlich am Tag zuvor hatte nehmen wollen) und von dort recht weit in die Berge aufsteigt. Bevor man jedoch auf dem Col de Balme wieder auf die Normalroute stößt, fällt der Weg noch einmal ab, so dass man noch ein zweites Mal aufsteigen muss. Da ich nicht in der Nähe der Route zeltete, nahm ich diese Variante nicht mit.

Le Peuty nach Tré-le-Champ (FR)

Ich packte also routiniert meine Sachen zusammen und machte mich bei stark bewölktem Himmel auf den Weg. Die Route der Tour du Mont Blanc war weniger als 2 m von meinem Zelt entfernt und so konnte ich um kurz nach 7 Uhr direkt durchstarten. Ein Schotterweg führte ein paar Minuten zu dem Fuß der Berge vor mir, dann überquerte ich einen Fluss und war wieder auf einem Wanderpfad angekommen. Es ging direkt hinein in einen Wald, der mir dunkel und feucht vorkam – sicherlich noch Überbleibsel des heftigen Regens der letzten Nacht. Alles roch nach Moos und schwerer Erde – ein Geruch, den ich eigentlich ganz angenehm finde. Dieser Teil des Weges war einer der steilsten Teile des Vormittags und es ging in Serpentinen die Bergflanke hinauf.

Blick zurück in die Täler der Schweiz…

Ich machte zwischendrin eine kleine Frühstückspause und kam dann aus dem Wald heraus in offeneres Gelände mit niedrigen Büschen und vielen Gräsern und Blumen. Der feuchte Waldgeruch wurde von frischen Kräutern abgelöst und es ging etwas flacher weiter – den Pass konnte ich schon vor mir liegen sehen. Außerdem konnte ich zurückblicken in das Tal, aus dem ich gekommen war, welches klar vor mir lag, aber dahinter sammelten sich tiefhängende Wolken zwischen den Bergspitzen. Neben mir ging es hinab in ein schmales Tal, auf dessen wilder, gegenüberliegender Seite eine Herde Bergziegen entlanglief. Ich setzte mich begeistert auf einen Felsen und beobachtete die Tiere etwa 10 Minuten lang. Als dann zwei andere Wanderer den Pfad hinaufkamen, zeigte ich ihnen die Tiere und machte mich wieder auf den Weg. Die letzten 150 Höhenmeter gingen noch einmal recht steil hinauf in einer letzten Anstrengung vor dem Pass. Es wurde kälter, denn Nebelfetzen zogen an mir vorbei und ein kühler Wind trieb die Wolken aus dem Tal hinauf.

Kurz vor dem Col de Balme…

In der Sekunde, in der ich vor der Refuge du Col de Balme (2.191 m) ankam, fing es an zu regnen. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich hier eine kurze Pause machen würde, aber mich tatsächlich in das Haus zu setzen kam mir zu lang vor. Also füllte ich nur mein Wasser auf und schaute auf den Wegweisern nach einem Hinweis welchen der vielen Wege ich nun gehen sollte. Kaum zurück in Frankreich, war die Routenfindung schon wieder ein Abenteuer für sich. Ich schaute auch auf meiner Karte auf dem Smartphone nach und entschied mich für den Weg, der nach rechts wegführte und als Traverse auf ähnlicher Höhe blieb anstatt der Wege, die direkt ins Tal unter mir herunterführten (eine einfachere Variante Richtung Le Tour). Ich kannte die Gegend ein wenig, da ich hier im Winter oft Skigefahren bin und auch schon ein paar Mal Wandern war – jedoch nicht auf dem Weg, auf dem ich mich gerade befand.

Durch Wiesen und Weiden und immer entlang der Außengrenze des Skigebietes ging es langsam herunter. Als hätte der Pass die Wolken aufgehalten, klarte es plötzlich auf und ein blauer Sommerhimmel zeigte sich. Ich konnte einen ersten Blick auf den fernen Mont Blanc erhaschen, der sich immer wieder hinter seinen eigenen Wolken verstecken würde. Diese Sicht war mir so vertraut, dass es mir fast vorkam, als wäre ich schon wieder zuhause.

Nach einiger Zeit kam ich in einem kleinen, hochliegenden Tal an, von wo es direkt auf der anderen Seite wieder hinaufging. Ich war nun auf dem Weg auf den Gipfel der Aiguillette des Posettes (2.201 m). Viele kleine Wege führten die Bergflanke hinauf, die stetig steiler und felsiger wurde. Die verschiedenfarbigen Felsen ragten aus niedrigen Blaubeerbüschen heraus, an denen noch Beeren hingen, die ich gelegentlich aß. Die dunkle Erde bildete einen schönen Kontrast.

Zum Ende hin musste man ein wenig kraxeln, aber es blieb trotzdem ein recht einfacher Aufstieg auf den weitläufigen Gipfel, der ein paar der schönsten Aussichten der letzten 2 Tage bot. Im Hintergrund auf der Schweizer Seite konnte man die Betonmauer des Emosson-Dams und den dahinterliegenden See sehen, der Mont Blanc und ein paar Gletscherzungen konnten auf der anderen Seite bewundert werden. Die Aiguille Verte, der mir am nächsten gelegene Viertausender, versteckte sich jedoch gerade hinter ein paar weißen Wolken. Auch der Mont Buet (Wanderung dorthin: hier) in der anderen Richtung versteckte sich vor meinen Blicken. Eine Wandergruppe war morgens hier hinaufgestiegen und machte nun Yoga auf dem Gipfel – auch ein netter Anblick.

Gipfel der Aiguillette des Posettes (2.201 m) mit Blick auf das Chamonix-Tal…

Da ich schon mal zu einer Tageswanderung hier gewesen war, beschloss ich die Yoga-Gruppe nicht zu stören und machte mich fast direkt wieder an den Abstieg auf der anderen Seite. Der Start war entspannt, denn es ging erstmal auf dem Grat entlang bis ganz auf die andere Seite, auf der nun das Chamonix-Tal direkt vor mir lag. Es sollte jedoch nicht allzu lange so entspannt bleiben: Zunächst kamen immer mehr Holzstufen, die einem den unwegsamen Abstieg erleichtern sollten. Ich zählte sie, weil ich nichts anderes zu tun hatte und wissen wollte wie viele es denn nun wirklich waren. Leider schrieb ich die Zahl nicht auf, aber ich glaube es waren um die 300. Nach diesem mittleren Teil, der einem schon recht lang vorkommt, verlässt man den offeneren, felsigeren Bereich mit niedrigen Büschen, Heide und Blaubeeren, um wieder in einen Wald einzutauchen. Große Wurzeln ragen über den Weg und es geht weiterhin sehr steil hinab. Wer bis jetzt seine Knie noch nicht spüren konnte, hatte Glück, das vermutlich auf den nächsten Metern langsam abklingen wird. Ich verließ mich sehr auf meine Wanderstöcke und wollte nur noch unten ankommen und endlich Pause machen. Es gab mehrere Weggabelungen, aber die Richtung, in die ich musste, war immer gut ausgeschildert, so dass ich flott vorankam.

Gegen 12:30 Uhr kam ich ziemlich erschöpft unten in Tré-le-Champ (1.417 m) an und wanderte auf der Suche nach Wasser in das kleine Dorf hinab. Auf der Aiguillette des Posettes gibt es keinen einzigen Bach, keine sonstige Wasserquelle, geschweige denn eine Hütte und es war ein sonniger, warmer Tag geworden, so dass ich viel trank. Ich fand dann auch direkt nach 5 Minuten einen Brunnen und füllte meine Flaschen auf. Da direkt nebenan die Auberge la Boerne war, wo man auch Campen konnte und meine Zeltnachbarn von letzter Nacht gerade ihr Zelt für diese Nacht aufbauten (sie waren schon um 6 Uhr gestartet), beschloss ich dort eine größere Mittagspause zu machen und bestellte mir eine Tartiflette (Spezialität der Region: Kartoffelauflauf, mit Speck und Reblochon-Käse).

Ich hatte mir vorgenommen vor 13 Uhr im Tal anzukommen, um genug Zeit für die zweite Etappe des Tages zu haben und das war mir gelungen. Jetzt musste ich nur meine Reserven wieder auffüllen und meine müden Beine zum Weitergehen ermuntern.

Tré-le-Champ nach Flégère

Obwohl ich gedacht hatte, dass ein Kartoffelauflauf mit einem riesigen Berg aus Käse meinen Magen unangenehm füllen würde, meldete sich dieser gar nicht. Ich fühlte mich fit und bereit die nächste Steigung anzugehen.

Diesen Teil des Weges kannte ich schon, da ich genau an dieser Stelle im Mai meinen ersten Versuch gestartet hatte. Ich wusste auch, dass diese Etappe eine der schönsten der ganzen Tour du Mont Blanc sein würde: es ist also durchaus angebracht bei gutem Wetter die recht kurze Etappe in vollen Zügen zu genießen und auch noch die Variante, die später beschrieben wird, mitzunehmen.

Zunächst ging es über die Straße hinein in einen lichten Wald, der den Hang der diesseitigen Bergflanke bedeckte. Genug Lücken zwischen den Bäumen, um die Sonnenstrahlen durchzulassen, aber trotzdem ein angenehmer Geruch nach Pinien. Schon der Aufstieg gefällt mir. Es geht stetig bergauf, aber nie zu steil und nach kurzer Zeit werden die Bäume weniger, so dass man eh die meiste Zeit von den Aussichten vor einem abgelenkt ist. Die Aussichten hier sind auch ein Grund warum ich die TMB in diese Richtung wandern würde, denn anders herum liegen sie einem immer im Rücken. Der blaue Himmel zeigte Schleierwolken und dichtere Wolken fanden sich immer wieder vor den Gipfeln auf der anderen Seite des Tals und trotzdem fand ich es wunderschön. Die Wolken waren ständig in Bewegung und zeigten mal diesen, mal jenen Gipfel, rahmten den Midi ein wie ein Bild, oder enthüllten den Dent du Géant im Hintergrund auf der italienischen Seite.

Aiguille du Midi…

Langsam wurde es felsiger und man kommt zwischen aufragenden Gesteinsformationen hindurch zum spannendsten Teil der Route: der „Passage Délicat“. Dies ist ein Abschnitt, auf dem viele Eisenleitern hintereinander an steilen Stellen die Felsen erklimmen. Unter mir ging es steil hinab. Festhalten nicht vergessen, wenn man nach unten schaut, um die Aussicht auf das Dorf Argentière 600 m weiter unten zu genießen. Wer Höhenangst hat, kann von Tré-le-Champ eine Alternativroute nehmen, um diesen Teil zu umgehen.

Ich nahm meine Wanderstöcke in eine Hand und machte mich an die lungenzerreißende Kletterpartie. Man war hier schon wieder auf knapp 2.000 m Höhe angelangt und besonders bei diesen nur vertikal hochgehenden Schritten merkte man jeden dieser Höhenmeter. Irgendwie war plötzlich nicht mehr genug Luft da, um meine brennenden Oberschenkel zu versorgen. Aber das Wichtigste ist hier konzentriert zu bleiben, denn dies ist eine der unglücklichsten Stellen, um zu fallen.

Ich quatschte mit ein paar Wanderern, die gerade auf ihrem ersten Wandertag waren und empfahl ihnen die Variante zum Lac Blanc. Kurz nach den Leitern erreicht man nämlich schon den höchsten Punkt der Normalroute, einem Cairn und Wegweiser auf 2.132 m. Von dort kann man noch höher steigen und wäre ich dort nicht schon mehrere Male gewesen, hätte ich das auf jeden Fall mitgenommen. Im Herbst hatte ich mit Mark am Lac Blanc (2.352 m) gezeltet mit den unglaublichsten Spiegelungen der herbstlichen Sonnenstrahlen auf den Bergflanken vor uns; und erst zwei Woche zuvor hatte ich mit meiner Cousine an einem der vielen kleinen Seen unterhalb des Lac Blanc gecampt (Lacs des Chéserys), die Sternschnuppen beobachtet und war dann am Morgen zum Lac Blanc hinaufgestiegen, der auch ein besonders beliebtes Tagesziel ist (Start entweder in Chamonix oder man kürzt mit dem Lift ab).

Ich ignorierte also die Schilder, die den Weg zu den Seen wiesen – man kann so einige Zeit dort verbringen und die verschiedenen Bergseen in Ruhe erkunden und ich würde jedem eine Nacht dort oben empfehlen – und folgte der Hauptroute in Richtung Refuge La Flégère, wo auch der Lift hinunter ins Tal lag. Der Weg folgt dem Grand Balcon Sud, einer Traversen, die der südlich gelegenen Bergflanke des Chamonix Tals folgt. Der Anblick der Berge ist mir hier sehr vertraut und ich gehe schnell. Es geht leicht bergab, teilweise etwas steiler, teilweise auch mal wieder ein kleines Stück hinauf. Ich finde, es ist ein sehr angenehmer Weg. Als ich diesen mit meiner Cousine am frühen Abend in die andere Richtung gewandert war, hatte uns tatsächlich ein Steinbock mitten auf dem Weg überrascht, der auch keinerlei Angst vor uns hatte. Ein wunderschöner Teil der Berge.

Um kurz vor 16 Uhr kam ich in einer letzten Anstrengung am Flégère-Lift an und fuhr entspannt hinab. Was für ein Tag! Mark hatte angeboten mich dort abzuholen, so dass ich nicht noch die 3-4 km nach Hause laufen musste und so konnte ich an diesem Abend endlich wieder in einem Bett schlafen. Ganz zu schweigen von der heißen Dusche, die ich mir gönnte.

Dieser 6. Wandertag endete also mit den meisten Höhenmetern für einen Tag (1.998 m Steigung) und 19,83 gewanderten Kilometern nach etwa 6,5 Stunden (Pause hatte ich über 2 Stunden gemacht insgesamt). Auf dem zweiten Teil der Strecke hatte ich jedoch selten gestoppt und die Umgebung, die Aussichten und Natur genossen, weil mich das Nachhausekommen zu sehr motiviert hat schnell zu gehen. Das hätte ich nicht gemacht, wenn ich diesen Teil nicht schon kennen würde und außerdem nicht recht viele Wolken die höchsten Berge vor meinen Augen verborgen hätten.

Sonnenuntergang im Herbst (Spiegelung im Lac Blanc)…

Mareike

32 Jahre, aus der Nähe von Bremen.

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