Etappe 3: Val Veny bis Arminaz Desot

Entlang des Val Veny / Val Ferret mit Pause in Courmayeur

Der erste Teil meiner heutigen Strecke entspricht ungefähr der 4. Etappe bis Courmayeur. Es gibt dort eine Schlechtwetter-Variante, die auf dem Talboden der Straße folgt und schneller ist; ich wollte jedoch der offiziellen Route folgen. Im zweiten Teil meines Tages würde ich dann einen großen Teil der 5. Etappe mitnehmen, die oberhalb des Tals eine Traverse durch Kuhweiden macht und viele Ausblicke auf die italienischen Gipfel der Mont-Blanc-Gruppe ermöglicht. Auch hier gibt es eine Variante, jedoch keine leichtere, da sie noch tiefer und höher in die Berge hineinführt.


Viel zu früh wurde ich von Stimmen neben meinem Zelt geweckt. Die beiden Franzosen waren schon gegen 6 Uhr wach und weckten auch mich auf, weil sie meinten, dass sie unterwegs sein wollten, bevor die Polizei dort auftauchen würde. Merkwürdige Argumentation, denn warum sollte die Polizei plötzlich so früh morgens hier langkommen und uns dann sagen, dass wir packen sollen – was wir ja eh vorgehabt hatten. Hauptsache abends ein Feuer anzünden. Naja, wach war wach, und so stand ich grummelig auf und packte mein ziemlich nasses Zelt zusammen. Tau lag auf jedem Blatt und Grashalm und hatte auch mein Zelt von außen ziemlich durchnässt.

Ich hatte wieder nicht wahnsinnig gut geschlafen, aber ich fühlte mich nicht müde und meinen Beinen ging es wieder gut genug für einen weiteren Tag auf der Tour du Mont Blanc. Nun jedoch spürte ich die gelaufenen Meter in meinen Muskeln, besonders meine Waden meldeten einen Muskelkater.

Morgendliche Aussichten…

Ohne Frühstück startete ich diesmal gegen 7 Uhr meinen Wandertag. Die beiden Franzosen folgten der Hauptstraße weiter das Tal hinunter, ich jedoch wollte der offiziellen Route folgen und ging somit etwa einen Kilometer zurück zu der Brücke, die ich gestern Abend sehr müde nach knapp 30 km Wandern überquert hatte. Die Sonne war noch nicht hoch genug, um meine Seite des Tals zu erreichen und Nebel lag im hinteren Teil des Val Veny am Ende des Lac Combal, an dem ich stand. Wie wunderbar ruhig und frisch die Luft war! Manchmal lohnt sich das frühe Aufstehen.

Val Veny bis Courmayeur

Hinter der Brücke ging es dann von der Straße hinunter auf einen kleinen Pfad, der zunächst steil durch einen Wald nach oben führte. Da ich schon auf knapp 2.000 m Höhe startete, wurde es schnell anstrengend. Ich begrüßte das Warmwerden meines Körpers, denn der Morgen hier in den Bergen war frisch und die tiefstehende Sonne würde noch etwas brauchen, um meine Seite des Tals komplett zu erreichen. An einigen Stellen leuchtete sie mir direkt ins Gesicht, dann wanderte sie weiter und versteckte sich wieder hinter Hügeln und Bergen.

Ein paar Ruinen verlassener Höfe standen am Weg und langsam wurde die Gegend offener. Ich überquerte einen recht breiten Fluss auf einer kleinen Brücke und füllte meine Wasserflaschen auf, dann kam ich hinauf auf die Hochebene. Schafe weideten hier auf den sanften Hügeln und ein Gebäude wurde vom Schäfer bewohnt. Auf der anderen Talseite konnte ich ungehindert die wolkenlosen Spitzen der diesseitigen Aiguilles (Französisch für „Nadelspitze“) betrachten:

Oberhalb der Gletscherzungen sind einige Viertausender zu sehen, hinter denen sich der Mont Blanc-Gipfel versteckt. Rechts daneben liegen die Aiguille Blanche de Peuterey (4.112 m) und Aiguille Noire de Peuterey (3.772 m, die dünne Bergspitze mit den kleinen Wolken). Ganz am Ende des Tals ragen die Viertausender des Dent du Géant und der Grandes Jorasses in den morgendlichen Himmel. Wer sich fragt warum die Namen alle auf Französisch sind: Das italienische Aostatal auf dieser Seite des Mont Blanc gehörte lange Zeit zu dem Königreich Savoyen und dort wurde französisch gesprochen.

Es ging noch weiter hinauf, wobei die Bergflanken auf der anderen Talseite für einige Zeit aus meiner Sicht verschwanden, als ich ein paar sanft geschwungene, grasbewachsene Hügel umrundete und dabei stetig höher stieg. Knapp zwei Stunden nachdem ich aufgebrochen war, erreichte ich den höchsten Punkt des Tages auf 2.430 m und hatte unglaubliche Aussichten von dort das komplette Tal hinunter. Die Wolken stiegen langsam vom Boden an den Bergflanken hinauf und sammelten sich um die Spitzen der höchsten Berge. Es würden nun stündlich mehr werden, so dass ab 11 Uhr keine höheren Berge mehr zu sehen sein würden. Der Himmel über mir blieb ansonsten klar und sommerlich blau, so dass ich wie am Tag zuvor meine Powerbank am Rucksack befestigte und die Sonne den Akku aufladen ließ. Von den 5 Ladebalken würden am Ende noch 5 voll sein – absolut Gold wert, da das Aufzeichnen der Route und das Knipsen von Fotos den Akku eines meiner Handys jeden Tag leer machte. Das andere Handy war ausgeschaltet und ich wollte es nur im Notfall benutzen.

Der Pfad folgte nun der Bergflanke auf einer relativ gleichbleibenden Höhe immer parallel zum Tal, kam dabei mal näher an dieses heran und entfernte sich dann wieder. So wie es die Beschaffenheit der Bergflanke vorgab. Ein paar kleine Bäche mussten überquert werden und ein paar Seen lagen in der kühlen Morgenluft. Die Berge auf der anderen Seite sollten sich dort wunderbar spiegeln, aber eine leichte Briese verwischte die Oberfläche des Wassers.

Ich war in den ersten 2 Stunden niemanden begegnet und würde zurückblickend diesen Morgen und Vormittag als den schönsten der gesamten Route in Erinnerung behalten: Die absolut umwerfenden Aussichten, die Freiheit so weit oberhalb des Tals zu sein, die klare Luft und das frische Bergwasser, das ich trank, und dann noch die komplette Einsamkeit, in der ich unterwegs war.

Doch dann kam ich langsam in die Gegend rund um das Skigebiet Courmayeurs. Zunächst begegnete ich Kühen auf einer Weide, dann kamen mir immer mehr Wanderer entgegen. Kurze Zeit später lief ich über die ersten grün bewachsenen Skipisten bis zu den Hauptgebäuden des oberen Teils des Skigebietes. Ein Lift war in Betrieb und holte Tagestouristen aus dem Tal hier hoch in die Berge. Da ich nun auf die südliche Flanke des Berges zulief, beschloss ich hier in der Sonne meine erste größere Pause zu machen und mein Zelt in der Sonne auf dem Hang einer Piste zu trocknen. Auch den Schlafsack ließ ich einmal auslüften und so nutzte ich die Wartezeit, um meine Füße von den Schuhen zu befreien, die ich viel zu viele Stunden in den letzten 2 Tagen getragen hatte. Glücklich drückte ich die Zehen in das trockene Gras.

Weil sich meine Füße so glücklich an der Luft anfühlten, beschloss ich auf dem Weg hinunter nach Courmayeur meine Sandalen zu tragen und so machte ich mich gegen 11 Uhr mit trockenem Gepäck wieder auf den Weg. Es sollte etwa 1,5 Stunden hinunter nach Courmayeur dauern und länger wollte ich auch nicht brauchen, denn ich hatte ein perfektes kleines Zeitfenster für meine Ankunft dort geplant: Ich wollte meine Vorräte auffrischen, aber der kleine Laden machte zwischen 13 und 15:30 Uhr Mittagspause, so dass ich vor 13 Uhr da sein wollte, aber weil ich auch unbedingt eine Pizza essen wollte und das Restaurant erst um 12 öffnete, wollte ich auch nicht viel früher dort ankommen. Also los.

Es ging zunächst noch über Skipisten hinunter in den unteren Bereich des Skigebietes, wo die Hauptgondel aus dem Tal kam und endlich erkannte ich die Gegend wieder – im Januar war ich hier einen vereisten Tag lang Skigefahren und hatte viel gelernt. Dann bog der Pfad endlich von den Pisten ab hinein in einen lichten Wald, doch der Weg, der sich mir nun offenbarte war der schlimmste der ganzen Tour du Mont Blanc. Zentimeterhoher Staub lag trocken und puderweich auf dem Boden und wurde bei jedem Schritt aufgewirbelt, so dass ich nach etwa 3 Metern schon nicht mehr versuchte ohne Dreck in meinen Sandalen weiterzugehen. Wenn man einen anderen Wanderer traf, hielt sich der Staub noch eine halbe Minute in der Luft und ich roch mit jedem Atemzug den Staub und die trockenen Pinien. Da der Weg auf der Südseite war, knallte die Mittagssonne nur so auf diesen Berghang hinab und bahnte sich ihren Weg sogar durch die Kronen der Bäume bis zu uns armen Wanderern hinab. Jeder Tropfen Schweiß fing direkt den Staub des Bodens ein und ich war trotz der Hitze froh, dass ich eine lange Leggins und ein langärmliges Oberteil trug, das ich als Sonnenschutz angezogen hatte statt des T-Shirts der letzten beiden Tage.

Auf der anderen Seite Courmayeurs…

Es ging steil bergab und man konnte nicht gerade behaupten, dass ich viel Spaß hatte. Nach knapp einer Stunde auf diesem staubigen Waldweg kam ich endlich in dem kleinen Dorf Dolonne an, das malerisch mit kühlen Steingassen lockte. Ein Trinkwasserbrunnen stand direkt am Eingang in die kleinen Gassen bereit und ich nutzte diesen Ort für eine kurze Pause. Trinkwasser auffüllen und Füße und Sandalen waschen – ich wechselte zurück in meine Laufschuhe. Dort machten auch zwei andere Wanderer der TMB Pause und wir unterhielten uns kurz.

Für mich ging es dann jedoch nach dem kurzen Gespräch schnell weiter, da ich ja noch einkaufen wollte, und so besorgte ich mir neue Äpfel und ein paar Knabbersachen. Die Äpfel sind zwar schwer – besonders weil ich 6 statt der geplanten 4 kaufen musste – aber der beste Snack oder Frühstück und so lud ich die extra 700 Gramm gerne in meinen Rucksack. Und dann endlich Pizza! Ich war in dem Restaurant „Pizzeria Ristorante du Tunnel“ schon zuvor gewesen, hatte aber komplett vergessen wie groß die Pizzen dort waren. Da es jedoch mein erstes richtiges Essen seit 3 Tagen war, verschlang ich fast das ganze Teil. Ich wusste ich würde es bereuen, aber was soll’s.

Courmayeur war mir zu warm, zu stickig und zu voll mit Touristen – sowohl im Sommer als auch im Winter kommen viele Gäste auf diese Seite der Berge: Ich war hier im Winter Ski gefahren und hatte im Sommer ein paar Berge bestiegen, wie zum Beispiel den Dent du Géant (4.013 m), den man hier eigentlich gut über dem Tal aufragen sehen kann, der sich heute jedoch oft hinter Wolken versteckt hatte.

Courmayeur bis Arminaz Desot

Mit viel zu vollem Bauch ging es weiter, vorbei an der Kirche, hinaus in den Nordosten der Stadt. Die Mittagshitze lag noch immer in den Straßen und ich hatte Durst. Einen halben Liter trank ich direkt etwa 10 Minuten nachdem ich losgelaufen war bei einem anderen Trinkbrunnen, wo ich auch noch einmal meine Flaschen auffüllte. Dann ging es zurück in den Wald, jetzt auf der anderen Seite von Courmayeur. Ich konnte nicht glauben, dass der Weg fast genauso trocken und staubig war wie zuvor und es fast ebenso steil wieder hinauf ging. Ich litt. Es war nicht nur die Trockenheit und Wärme, mein Bauch rief mir energisch zu, dass mein Körper nur eins zugleich konnte: entweder Verdauen oder intensiv Wandern. Ich ignorierte ihn jedoch und tat beides. Schnell kam ich nicht voran, dachte ich, aber ich überholte trotzdem einige Wanderer. Jeder hier war am Leiden. Eine Gruppe Asiaten auf dem Weg nach unten feuerte jeden an, der sich den Weg hochkämpfte – sehr süß von ihnen!

Nach diesem anstrengenden, etwa 750 Höhenmeter dauernden Anstieg erreichte ich endlich die nächste Refuge, die von oben auf die sich in Courmayeur treffenden Täler hinabschaute. Auch hier war es trocken, aber etwas kühler und ich setzte mich kurz zu dem Wanderer, den ich unten in Dolonne schon getroffen hatte. Ein Belgier, der auch plante hier oben zu zelten und dafür auch schon eine Stelle herausgesucht hatte, die er mir auf einer Karte zeigte. Ich füllte mein Trinkwasser auf und wollte auch auf Klo gehen, aber die Toilette war geschlossen wegen Wassermangel. Die Dürre hatte das Wasser hier oben rar gemacht und es reichte nun wohl nicht mehr zum Spülen des Klos.

Hier von der Rifugio Bertone (1.989 m) hatte man wieder die Qual der Wahl was Routen angeht. Die offizielle Route führt auf etwa gleichbleibender Höhe, also auf ungefähr 2.000 m, parallel zum Tal in Richtung Osten zur Grenze in die Schweiz. Die andere Route biegt hier in die höheren Berge ab, steigt an und führt dann auf einer höheren Linie zum gleichen Ziel: der Rifugio Bonatti, dem Endpunkt von Etappe 5. Diese Variante war früher die offizielle Route der TMB und eigentlich wollte ich diesen Teil gerne sehen, allerdings war es schon halb 5 als ich die Rifugio Bertone verließ und das bedeutete, dass ich nicht genug Zeit haben würde, die Rifugio Bonatti an diesem Tag noch zu erreichen. Auf beiden Routen gab es keine weiteren Hütten, so dass ich plante irgendwo in der Natur zu nächtigen. Ich wollte jedoch lieber im unteren Bereich bleiben und nicht allein in höheren Bergen unterwegs sein. Vermutlich wäre es vollkommen sicher gewesen und ich hätte bestimmt ein schönes Plätzchen gefunden, aber ich blieb auf der sicheren Seite und lief auf der unteren Traverse los, der heutzutage normalen Route der Tour du Mont Blanc.

Aber zuvor schaute ich mir noch an, wie ein Helikopter über mir Sachen abtransportierte – ich hatte auf meinem Weg hierher mehrere Stationen gesehen, wo das Equipment für das Ultra-Trail-Rennen in Boxen bereitstand. Es hatte auch an den wildesten Orten der Route Versorgungsstationen gegeben für die Läufer. Was für ein riesiger organisatorischer Aufwand.

Die Sonne stand noch hoch am Himmel und wärmte die Luft um mich herum. Auf Kuhweiden ging es sanft auf und ab, ein paar Mal musste ich einen Elektrozaun überwinden, wenn ich wieder eine Weide betrat oder verließ. Mittelhohes Buschwerk und kleinere Bäume standen gelegentlich an den etwas steileren Hängen, ansonsten konnte ich den Blick schweifen lassen. Vor und neben mir lag das Tal, auf der anderen Talseite ragten die felsigen, schroffen Berghänge der Südseite des Mont-Blanc-Massivs steil empor.

Einmal hatte ich ein kleines Problem mit ein paar Kühen, denn sie standen öfter auf meinem Wanderpfad herum. An sich nicht schwer zu umgehen und ich mag Kühe, aber an einer etwas steileren Stelle versuchte ich zunächst die Kuh dazu zu bewegen aus dem Weg zu gehen. Diese sah das jedoch als eine Aufforderung meinen Ärmel zu essen. Also stieg ich mühselig ein paar Schritte hinab und kletterte hinter ihr wieder auf den Weg hinauf.

Dann waren die Weiden vorbei und ich kam wieder in wildere Gegenden. Ein Wald aus jungen Bäumen spendete Schatten und ich fand an einem Fluss, an dem ich mein Wasser auffüllte, sogar ein paar Büsche mit Himbeeren. Lecker! Ich lief weiter und erreichte nun ein kleines bewohntes Farmhaus – Arminaz Desot. Es lag an einem kleinen einschneidenden Tal mit Fluss, an dem ich vor einer Brücke den Belgier wiedertraf. Er hatte gerade dort gebadet und seine Sachen gewaschen und außerdem einen geschützten Platz zum Übernachten – etwa 20 m das Tal hinauf – gefunden. Ich ging mich auch schnell in Unterwäsche in einer kleinen, felsigen Bucht waschen, schaffte es jedoch nicht komplett ins Wasser einzutauchen. Es war einfach zu kalt. Als ich nach den kurzen maximal 2 Minuten wieder herauskam, waren meine Füße schon zu Eisklumpen geworden. Aber ich war sauber und das war das Wichtigste nach diesem staubigen Tag.

Neben dem rauschenden Fluss und knapp außer Sichtweite des Farmhauses bauten wir unser Nachtlager auf und weil der Belgier ein waschechter Belgier war, hatte er 2 Bierflaschen hier hochgeschleppt, die wir uns teilten. Wir saßen noch fast bis zur Dunkelheit auf ein paar Felsen vor den Zelten und redeten, so dass ich ziemlich durchgekühlt war, als ich später in meinen Schlafsack kroch. Es dauerte bis ich ihn warm bekam. Einmal musste ich auch noch aufstehen und auf Klo gehen und ich wäre fast draußen geblieben, denn ich hatte seit langem nicht mehr eine so klare Sicht auf einen perfekten, wolkenlosen Sternenhimmel gehabt. Wir waren auf etwa 2.000 m Höhe weitab von einer Lichtquelle und die Milchstraße zeigte sich unglaublich klar über mir. Was für ein Wunder!

So endete mein dritter Wandertag nach 23 km, 1.472 Höhenmetern, einer Bewegungszeit von 6:15 Stunden und einer leckeren italienischen Pizza!

Mareike

32 Jahre, aus der Nähe von Bremen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.