Etappe 4: Arminaz Desot bis Saleinaz (CH)

Ein langer Weg hinüber in die Schweiz

An diesem vierten Wandertag werde ich noch den Rest der 5. Etappe (von 11) zur Rifugio Bonatti machen, von wo es dann hinunter ins Tal (Val Ferret) geht. Dort startet der steile Aufstieg zu dem Pass in die Schweiz. Die 6. Etappe endet auf der Schweizer Seite in La Fouly. Doch ich werde noch etwa die Hälfte der nächsten Etappe, die nach Champex führt, wandern. Der höchste Punkt dieses Tages ist die Grenze zwischen Italien und der Schweiz mit 2.537 m.


Ich startete meine Wanderung allein und sagte dem frühstückenden Belgier, dass wir uns später sehen würden. Da in der nächsten Zeit keine Varianten der Tour du Mont Blanc angeboten wurden, würden wir uns irgendwann wieder treffen, denn er wollte an diesem Tag weiter gehen als ich. Es war kühl in den Bergen, aber die Bergflanke vor mir wurde schon von der Sonne angeleuchtet und die Wolken hatten sich von den Gipfeln verzogen.

Über Rifugio Bonatti zum Pass Grand Col Ferret

Meine Wanderung startete gegen kurz vor 8 mit einer Überquerung des Flusses, in dem ich am Abend zuvor gebadet hatte. Als Trinkwasserquelle hatte ich ihn auch noch benutzt, so dass ich nicht mit leeren Flaschen starten musste. Abends trank ich meist einen halben Liter mit Magnesiumtablette und da ich immer noch laufen konnte, behaupte ich einfach, dass es funktionierte und meine Muskeln regenerierte.

Es ging nun an einem verfallenen Gebäude vorbei in einen leichten Aufstieg und ich genoss die Stille des Morgens. Den größten Vorteil, wenn man nicht in Berghütten oder auf Campingplätzen übernachtet, ist sicherlich, dass man einfach die erste Zeit des Tages nicht viele Leute auf den Wegen trifft. Es war ein weiterer wunderschöner Tag und ich wanderte fast ohne Pause bis zur Rifugio Bonatti durch. Dort füllte ich mein Wasser auf, machte eine kleine Frühstückspause und genoss die Aussicht hinunter ins Tal.

Es ging nun noch einige Zeit weiter entlang der Bergflanke – mal höher, mal tiefer – und ein paar Bäche schnitten die Landschaft in kleinere Abschnitte. Diese mussten auf unterschiedliche Weise überquert werden, es war eine schöne Wanderung.

Dann ging es für eine halbe Stunde bergrunter – bis ganz hinab auf den Talboden. Wälder ersetzten die Gräser, Blumen und niedrigen Büsche, und ich kam plötzlich unten im Sommer an. Die kühle Luft der schattigen Bergseite wurde ersetzt durch sommerliche, trockene Wärme und ich benutzte zunächst Sonnencreme, bevor ich mich an den nächsten Aufstieg machte. Hier unten im Tal war man nämlich nur für wenige Meter unterwegs, um an den Startpunkt des Aufstiegs zum Col Ferret zu gelangen. Es gibt zwei Pässe hinüber auf die andere Seite und die TMB folgt den Weg über den höheren der beiden, deswegen „Grand Col Ferret“, wenn man präzise sein möchte.

Das Ende des Val Ferret, dessen Kessel ich vor mir sehen konnte, lag komplett in der Sonne und startete mit einem ersten steilen Anstieg. Nach kurzen 15 Minuten Kämpfen hatte man eine Art Zwischenebene erreicht, auf der es zwar immer noch bergauf ging, jedoch weitaus entspannter. Hier machte ich mehr Strecke als Höhenmeter und kam nach einiger Zeit zur letzten Refuge vor dem Pass: Rifugio Elena.

Ich hatte in der letzten halben Stunde einige Wanderer gesehen, aber das bereitete mich nicht auf die Menschenmengen dort vor. Ich habe keine Ahnung, ob hier ein besonders beliebtes Tageswanderungsziel liegt oder was los war, aber so viele Menschen habe ich seit Courmayeur nicht mehr gesehen und das war immerhin eine kleine Stadt. Es ist aber eine großartige Gegend für einen Ausflug, denn wir standen hier im letzten Teil des Val Ferret, umgeben von hohen Bergen auf 3 Seiten und den weiß leuchtenden Gletscherzungen über uns. Vielleicht wollten die ganzen Menschen einfach diese Aussicht sehen.

Von hier ging es wieder in einen steilen Aufstieg, der bis zum Pass auch nicht mehr entspannt werden würde. Ein ausgetretener Pfad führte von der Berghütte in den steilen Hang und in Serpentinen immer weiter nach oben. Und er war voll mit Menschen. Waren die Hütte und die Terrassen mir schon voll vorgekommen, so störten mich die Menschen hier sogar noch mehr.

Der Pfad war oft so schmal, dass nur eine Person auf ihm gehen konnte, und nichts mag ich weniger als mich dem Tempo anderer anpassen zu müssen. Und dabei meine ich nicht nur, wenn ich schneller bin; es stresst mich auch, wenn Leute hinter mir schneller laufen: Dann lasse ich sie vorbei und gefühlt macht jeder von denen dann zwei Meter später eine Trinkpause, so dass ich wieder vor ihnen lande. Aus irgendeinem Grund waren auch viele ältere Menschen unterwegs, was ich sehr schön fand, aber obwohl sie mit relativ leichten Tagesrucksäcken bestückt waren, war ich schneller und musste einfach sehr oft Menschen überholen. War der Staubpfad bei Courmayeur der schlimmste Weg der Tour du Mont Blanc, war dies hier sicherlich der schlimmste Teil was Menschenmengen anging.

Etwa auf der Hälfte des Weges ist eine Trinkwasserquelle, die ich beinahe übersah. Da es die letzte Möglichkeit ist Wasser zu bekommen in der nächsten Zeit, war ich froh den kleinen Brunnen doch noch gesehen zu haben. So konnte ich noch einmal aufstocken und mich dann an den letzten steilen Anstieg wagen. Es war warm, windstill und ich schwitzte und so war ich mega froh als ich nach etwa 1,5 Stunden die untere Ebene des Passes erreichte. Hier machten schon viele Menschen Pause und ich beschloss mich anzuschließen, denn es gab sehr viel Platz und trockenes Gras, das sanft abfiel – also der perfekte Ort, um mein Zelt auszubreiten und wieder zu trocknen.

Nach etwa 20 Minuten kam der Belgier hochgewandert und wir unterhielten uns kurz. Er wollte seine Pause jedoch auf dem richtigen Pass ein paar Minuten später machen und so las ich entspannt weiter den Wanderführer, während ich darauf wartete, dass meine Sachen trockneten, meine Füße und Beine sich entspannten und die Menschenmengen langsam weniger wurden. Die Aussichten waren außerdem spektakulär: Man konnte das komplette Tal (bzw. die Täler Val Veny und Val Ferret) bis zum Ende überblicken und sogar den Pass (Col de la Seigne) erkennen, auf dem ich am Ende von Tag zwei von Frankreich nach Italien herübergekommen war [siehe Foto „Grand Col Ferret“ oben]. Es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit her.

Vom Pass Grand Col Ferret bis hinter La Fouly

Plötzlich war ich allein auf meiner Wiese und beschloss nun auch endlich weiterzuziehen. Das Zelt war wieder trocken und ich informiert über den nächsten Wegabschnitt. Also stieg ich mit neuer Energie die letzten paar Meter zum richtigen Pass Grand Col Ferret (2.537 m) hinauf und schaute mich noch einmal kurz um. Ebenso schöne Aussichten umgaben mich und man konnte noch auf einen kleinen Hügel steigen. Definitiv ein guter Ort für einen Tagesausflug.

Ich sah zwar keine Menschenmassen wieder diesen Weg auf italienischer Seite hinuntersteigen, aber als ich mich auf den Abstieg auf Schweizer Seite machte, war der Weg kaum noch besucht. Vielleicht war ich einfach spät dran.

Auf der Schweizer Seite des Passes…

Es ging durch sanfte Wiesen in einem angenehmen Gradienten hinab und ich genoss diesen Teil des Tages sehr. Ich konnte in großen, weiten Schritten vorangehen und wurde dabei immer wieder von verschiedenfarbigen Schmetterlingen umflattert. Die hohen Berge ließ ich hinter mir, in der Schweiz würde es mehr Dörfer und Landwirtschaft geben. Ich sah später noch ein Murmeltier am Hang und war guter Laune, als ich etwa 50 Minuten später die Alpage de la Peule (2.071 m) erreichte: Einen Milchbetrieb, wo ich eine Pause machte, um eine wohlverdiente Cola zu trinken, Wasser aufzufüllen und die Toilette zu besuchen.

Von hier gab es nun wieder zwei Möglichkeiten weiterzugehen: die Hauptroute folgt dem Tal und der Schotterstraße, die von dort zur Farm hinaufführt und da ich sie von hier oben überblicken konnte, war mir schon klar, dass es dort keine spannenden Aussichten oder Highlights geben würde. Die Alternative ist ein schmaler Pfad, der in etwa gleichbleibender Höhe von hier aus parallel zum Tal dem Weg unten folgt. Ich beschloss diese Route zu nehmen und war sehr froh über diese Entscheidung, denn ich sah nur ein einziges Paar, das mir entgegen kam in der nächsten Stunde, bis ich unten im Tal zurück auf die Hauptroute stieß.

Die Landschaft änderte sich schon in den ersten Minuten auf der Alternativroute. Wo vorher nur Gräser und Weiden gewesen waren, kam ich nun in kleine Wäldchen, immer auf schmalen Pfaden. Es ging oft recht steil hinab auf meiner rechten Seite, die dem Tal zugewandt war und einige Stellen waren ziemlich steil, rutschig und etwas gefährlich. Ich konnte verstehen, dass man hier nicht die Normalroute langlaufen lassen konnte, auch wenn der Weg schöner war. Ich gab meine Position durch, falls doch etwas Dummes passieren sollte, denn so alleine, wie ich hier war, würde mich wohl niemand finden, sollte ich an einer Stelle ausrutschen und fallen. Aber es passierte nichts und ich genoss weiter in vollen Zügen die einsame Gegend und die wunderschönen Aussichten ins Tal und die über mir lauernden Berge.

Aus irgendeinem Grund waren hier auch plötzlich wieder die Fähnchen der UTMB-Route am Wegesrand und so konnte ich mir doch noch ein Souvenir mitbringen.

Kurze Pause im Sonnenschein vor dem Abstieg ins Tal…

Nach etwa einer Stunde kam ich wieder unten an und traf die Normalroute in einem kleinen schattigen Waldstück wieder, wo ich direkt eine kurze Pause machte, denn meine Knie meldeten sich mit leichten Schmerzen. Der Abstieg von der Alternativroute war unglaublich steil gewesen, so dass er trotz Wanderstöcke ordentlich auf meine Knie gegangen war.

Es ging nun im Wald neben einem rauschenden Bergbach weiter hinunter ins Tal, aber auf einer fast ebenen Strecke, so dass sich meine Beine endlich wieder etwas entspannen konnten beim Laufen. Ein paar Brücken wurden überquert, es ging entspannt weiter. Ich unterhielt mich mit ein paar Leuten, die ich dort traf und kam wenig später in das kleine Dorf La Fouly, wo die 6. Etappe endet.

Es war jedoch noch nicht einmal 16 Uhr und so war für mich klar, dass ich noch weitergehen wollte heute. Ein kleiner Supermarkt bot sich an, um für ein frühes Abendessen oder einen Nachmittagssnack einzukaufen und ich traf mal wieder auf den Belgier, der mich zwei Frauen aus Südafrika vorstellte. Wir machten den Plan alle zusammen auf etwa halber Strecke nach Champex, das etwa 4 Stunden entfernt liegt, in der Wildnis zu campen, brachen jedoch alle zu unterschiedlichen Zeiten auf. Der Belgier war der erste und ich würde ihn auch nicht wiedersehen, denn er ging wohl die ganze Strecke bis nach Champex durch. Ich war die zweite.

Die Strecke bis nach Champex ist die entspannteste Etappe der ganzen TMB, zwar 15 km lang, aber ohne Pässe oder nennenswerte Steigungen, so dass man die Strecke locker in 4 Stunden wandern kann. Es geht die ganze Zeit durch das Tal, das in regelmäßigen Abständen kleine verschlafene Alpendörfer beherbergt, der Wanderweg ist dabei jedoch abseits der Straße eher an den Hängen der linken Westflanke des Tals.

La Fouly liegt noch auf 1.610 m, der Weg geht hinunter bis auf 1.055 m und von dort wieder hinauf nach Champex, das auf 1.466 m liegt. Ich wollte also irgendwo Halt machen, bevor es wieder bergauf gehen würde. Leichte Wälder und Wiesen entlang des Flusses wurden meine Begleiter. Es war still, denn die meisten Wanderer hatten in La Fouly gestoppt. Ich genoss die entspannte Wanderung und sah viele wunderbare Flecken, auf denen ich mein Zelt außer Sichtweite des Weges aufschlagen konnte.

Es war jedoch erst eine halbe Stunde vergangen und so wollte ich noch ein wenig weiterlaufen. Plötzlich ging es in einen dunkleren Wald und trotz der Sonne auf der anderen Seite des Tals kam ich mir vor als wäre ich in einen unheimlichen Schattenwald eingetaucht. Wäre dies ein Film, würden jetzt die Monster oder Bösewichte auf mich warten. Es war spannend diese krasse Veränderung des Lichts und der Atmosphäre zu empfinden – von einem Augenblick auf den nächsten. Der Weg wurde nun auch schmaler und nach kurzer Zeit stieg er ein wenig an und führte in die steile Flanke des Berghanges. Plötzlich gab es keinerlei Plätze mehr für ein Zelt, denn es ging auf der einen Seite steil empor und auf der anderen ebenso steil hinab. Ich lief also weiter und weiter und weiter. Teilweise gab es steinige Abschnitte, die mit Ketten als Handläufe ausgestattet waren, denn Klippen fielen direkt neben dem Weg steil hinab.

Nach etwa 2 Stunden kam ich dann aus diesem Abschnitt heraus in einen Wald, wo der Weg plötzlich im rechten Winkel und hinunter zum Fluss abzweigte auf einem schnurgeraden Weg, der wie aufgeschüttet erhoben zwischen den Bäumen hindurchführte: Die Überreste einer alten Gletschermoräne. Ich bemerkte, dass ich mittlerweile knapp 30 km auf meiner Uhr hatte für den heutigen Tag und schaute etwas verzweifelt Ausschau nach einem geschützten und flachen Flecken neben dem Weg. Nach ein paar Minuten fand ich auch eine kleine, vermooste Lichtung, hinter ein paar Büschen verborgen und baute dort mein Zelt auf. Dies würde die erste Nacht sein, in der ich komplett allein zelten würde, denn die beiden Südafrikanerinnen müssen an mir vorbeigelaufen sein, als ich mich gerade im Zelt fertig machte. Ich hörte zumindest Schritte auf dem nahen Weg, kam jedoch nicht schnell genug aus dem Zelt heraus um zu schauen wer es war.

Nach etwa 30 km, 1.139 Höhenmetern und ca. 8 gelaufenen Stunden (plus 3 Stunden Pause) durften sich meine Beine in der Nähe des Dorfes Saleinaz endgültig zur Ruhe legen und meine vierte Etappe kam zu einem Ende. Der moosige Waldboden würde mein weichster Schlafgrund auf dieser Wanderung werden.

Mareike

35 Jahre, aus der Nähe von Bremen.

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